Hauptsache lesenswert!

Ab sofort bloggen wir hier über die Bücher, die wir lesen – und wir lesen viel! Schwerpunkt werden Fantasy und Science Fiction sein, aber auch Krimis und historische Romane, gern mit ein bisschen Mystery gewürzt, lesen wir gern. Wir freuen uns auf deine Meinung zu unserer Meinung!
Tweet This Post


Hauptsache lesenswert!

Tim Binding: Cliffhanger

» Posted on Aug 05 2010

Torvill und Dean ziehen in Cliffhanger nicht etwa auf dem Eis ihre Kreise, sondern in einem englischen Gartenteich: Es handelt sich um das Koi-Karpfen-Pärchen von Al Greenwood, seines Zeichens selbständiger Taxifahrer in einem Dorf am Meer. Und Al hat ein Problem, bei dem selbst seine geliebten Kois ihm nicht weiterhelfen können, so tröstlich ihr Anblick normalerweise für ihn auch sein mag. Nach über zwanzig Ehejahren will Al sich seiner Ehefrau Audrey entledigen, die ihn nur noch anwidert. (Auf den Gedanken, dass man sich auch scheiden lassen kann, kommt er anscheinend nicht.) Er treibt Audrey dazu, aus dem Haus und ans Meer zu stürmen, schleicht ihr hinterher und stößt sie von den Klippen hinab. Na bitte, war ganz einfach. Doch als er in Hochstimmung und mit dem Ruf „Bonsai!“ wieder in sein Haus stürzt, rekelt sich seine Angetraute höchst lebendig am Kamin und ist seit langem wieder mal ganz scharf auf Al. Hoppla, wen hat Al da von der Klippe gestoßen? Zumal zur gleichen Zeit auch seine uneheliche Tochter Miranda verschwindet, die allerdings nicht weiß, dass Al ihr Vater ist. Al wird es ganz anders, denn Miranda ist neben seinen beiden Fischen das, was er im Leben am meisten liebt. Obendrein kann er nicht sofort einen neuen Versuch unternehmen, Audrey um die Ecke zu bringen, zumindest nicht mit der gleichen Strategie – das würde dann wohl doch auffallen.

Die Polizei in Gestalt eines ebenfalls karpfenbegeisterten Inspectors ermittelt wegen Mirandas Verschwinden, und Al stellt seine eigenen Nachforschungen an, zum einen aus Sorge um Miranda, zum anderen, weil er unbedingt herausfinden muss, wen er von der Klippe geschubst hat. Es folgen allerlei Irrungen und Wirrungen, derweil er und Audrey sich wieder näher kommen. Zwar merkt Al, dass seine Frau ihm etwas verheimlicht – wo war sie, als sie auf der Klippe stehen sollte, damit er sie herunterschubsen kann? -, aber zu seinem eigenen Erstaunen stellt er fest, dass er sie gar nicht mehr umbringen möchte. Im Gegenteil, er freundet sich sogar mit dem Gedanken an, dass Audrey in sein Taxigeschäft (das allerdings ursprünglich ohnehin ihrem Vater gehört hatte) einsteigt und seinen kostbaren Vanden Plas lenkt, womit die beiden womöglich sogar wieder zu ihrem größten (und einzigen) Konkurrenten aufschließen könnten, bei dem ebenfalls die Frau mitfährt und durch ihr gutes Aussehen zur Kundenbindung beiträgt.

Soweit, so gut also. (Okay, Miranda ist immer noch verschwunden, und die Frage, wer in dem gelben Regenmantel steckte, den Al von der Klippe geschubst hat, ist auch noch nicht geklärt ;-) .) Aus dem Unsympathen Al, der seine Frau ohne mit der Wimper zu zucken um die Ecke bringen wollte, wird allmählich ein ganz sympathischer Bursche, wenn auch offenbar mit der Tendenz, sich selbst in Schwierigkeiten zu bringen. Und Audrey meldet sich im Fitnessstudio an und wird unter anderem, aber nicht nur dadurch der Frau, die er einst geheiratet hatte, wieder ähnlicher. Interessanterweise scheinen Al und Audrey sich am besten zu verstehen, wenn sie zusammen Gemeinheiten aushecken können.

Zum Schluss kommt natürlich alles ganz anders, als man – oder jedenfalls ich – denkt, und ich wünsche jetzt schon allen zukünftigen Lesern viel Spaß mit dem Towanda-Ende. Mehr darf hier natürlich nicht verraten werden, auch wenn’s mich in den Fingern juckt.

Tim Binding: Cliffhanger. Mare Verlag 2009. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann.

Post to Twitter Tweet This Post

Helen Garner: Das Zimmer

» Posted on Feb 16 2010

Eigentlich war ich ja auf der Suche nach Leichtkost, etwas Amüsantem, mit dem ich mich über die Karnevalstage einschließen wollte, an denen der Rheinländer bekanntlich gnadenlos feiert – auf eine Weise, die nun nicht gerade die meinige ist…Also, Blick auf Krimi, Komödie & Co., denn Spaß haben wollte auch ich.


Was mir dann aber in die Hände fiel, war der letzte Roman der australischen Autorin Helen Garner, der in Australien bereits kurz nach seinem Erscheinen die renommiertesten Literaturpreise des Landes abgeräumt hatte. Nur – leider thematisch so gar nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Manchmal kommt es eben anders als …


Alles andere als leichte Kost, aber mit leichter Hand erzählt und gleichzeitig sehr eindringlich und bewegend, wird den Lesern hier das Thema Tod und Sterbebegleitung nahegebracht, mit liebevollem Humor, glasklarer Sprache und einer kompromisslosen Art, mit der sich Garner über Tabus hinwegsetzt.


Helen, eine Freiberuflerin in den Sechzigern, lebenserfahren und -froh, lebt in Melbourne Haus an Haus mit ihrer Tochter und deren Familie. Als ihre Freundin Nicola aus Sidney in ihrer Nähe eine alternative Krebstherapie machen will, lädt sie sie ein, während dieser drei Wochen bei ihr zu wohnen.


Helen bereitet mit viel Liebe alles vor, dekoriert und möbliert das Gästezimmer um, richtet sogar das Bett in nordsüdlicher Achse aus, weil sie glaubt, dass Nicola mit ihren esoterischen Tendenzen dies schätzen wird und bepflanzt noch schnell einen Blumenkasten, um den tristen Ausblick etwas aufzulockern.

Worauf sie sich jedoch nicht vorbereitet hat, ist der Anblick einer überaus gebrechlichen und entkräfteten Nicola, denn diese hat ihren Zustand immer heruntergespielt – und wird dies auch in Zukunft mit Vehemenz durchziehen.

Und genau das ist es, was Helen dann fast in den Wahnsinn treibt. Die nötigen Pflegedienste versieht sie mit heiterer Gelassenheit und die obskuren Praktiken der selbsternannten Heiler nimmt sie, die eher an die Schulmedizin glaubt, noch geraume Zeit gleichmütig hin. In ihr wächst ein Zorn, den sie sich lange nicht erklären kann und der ihr Schuldgefühle bereitet. Was sie schließlich vor Wut überkochen lässt, ist Nicolas gnadenlose Fröhlichkeit, der aufgesetzte Optimismus, mit dem sie stoisch an dem Glauben festhält, es werde ihr in wenigen Tagen schon besser gehen.


Weil Helen diese Unaufrichtigkeit, die so untypisch für ihre langjährige Freundschaft ist, nicht mehr aushält, schlägt sie Nicola im Beisein ihrer Nichte die Wahrheit um die Ohren. Ihre Wahrheit. Denn was angesichts eines qualvollen Todes die Wahrheit ist, sieht für alle Beteiligten unterschiedlich aus…


Was aber sicherlich stimmt, ist, dass die Betreuenden die Wut und Verzweiflung, die Nicola so vehement leugnet, übernehmen; Nicola überlässt es ihren Lieben, diese auszuagieren. Sie selbst segelt mit der ihr eigenen königlichen Nonchalance durch diese Phase ihres Lebens, so wie sie es schon immer gehalten hat.


Eine veränderte Sicht stellen eher die anderen an sich fest, so beispielsweise Helen:

Eins der Meerschweinchen fuhrwerkte geschäftig über die asphaltierte Fläche beim Grill, einen langen Grashalm im Maul. Stumpf blickte ich auf seine vorquellenden Augen, seinen dicken Hals und seine plumpen Schultern. Wozu gab es Meerschweinchen? Das waren doch nur Klumpen mit Fell außen herum. In Peru wurden sie gegrillt und verzehrt, aber hier sahen sie prähistorisch aus, von der Evolution fallen gelassen und sinnlos umtriebig; mit diesem ganzen schwachsinnigen Geknabber und Gekaue und Getrippel und Gepaare. Eine Verschwendung von Raum und Energie.

Was war bloß mit mir los? Wie konnte ich ein Lebewesen verabscheuen, nur weil es sein winziges, harmloses Leben bei jemandem in einer Ecke des Gartens verbrachte?“


Trotz aller Wut, Ohnmacht und Todesfurcht, die sie trennen, gibt es immer noch Momente voller Heiterkeit und Nähe, die Freundinnen schaffen es immer wieder, die Situation mit Humor zu betrachten. So fragt Helen einmal, als Nicola einen Einlauf mit Kaffee machen soll, ob das denn nicht vor dem Schlafengehen unklug sei, weil der sie wachhalten könnte und Nicola antwortet: „Warum um Himmelswillen sollte er, Liebste? (…) Ich trinke ihn ja nicht, ich pumpe ihn mir doch nur in den Hintern.“ (Und Helens Schwester meint dazu auf die Frage, ob es denn tatsächlich Biokaffee sein müsse: „Großer Gott! Der kommt doch nur in ihren Hintern – würde da nicht auch Instantkaffee reichen?“)


Helen Garners „Das Zimmer“ ist wunderbar geschrieben (und übersetzt), authentisch und berührend und jederzeit frei von Kitsch und sentimentalem Beiwerk, ein Buch, das ich jedem ans Herz legen möchte, nicht nur Lesern, die sich aus persönlichen Gründen mit dem Thema Sterbebegleitung auseinandersetzen. Hier geht es nicht nur um den Tod, sondern auch um das Leben!


Helen Garner: Das Zimmer. Aus dem Englischen von Nora Matocza und Gerhard Falkner. Berlin Verlag, 2009

Post to Twitter Tweet This Post

Noch ein Plagiat

» Posted on Feb 12 2010

Momentan greift es anscheinend um sich: einfach Ideen bei anderen klauen, ein bisschen drumrum fantasieren und dann auch noch frech begründen. Helene Hegemann hat es vorexerziert, und das gesamte deutsche Feuilleton (hier z. B. die FAZ) diskutiert sich nun seit Tagen die Köpfe darüber heiß, ob, und falls ja, wie weit Plagiieren erlaubt oder gar eine eigene Kunstform sei.

Hallo? Es gibt so was wie Urheberrecht, wenn ich mich nicht irre. Und bloß weil so eine rotzfreche Berliner Göre daher kommt und sich gebärdet, als hätte sie die Weisheit mit Löffeln gefressen, und weil sich jeder Verlag gerne mit so einem “Wunderkind” </Ironiemodus aus> schmücken möchte, fallen alle verlegerischen Grundsätze plötzlich über Bord? Tut mir Leid, mir platzt da allmählich der Kragen.

Und gerade eben lese ich dann noch, dass Autor Jens Lindner zugegeben hat, ebenfalls abgeschrieben zu haben. Immerhin legt er ein Schuldbekenntnis ab und schwurbelt nicht drumrum. Diebstahl von geistigem Eigentum bleibt Diebstahl und ist keine Kunst. Punkt.

Post to Twitter Tweet This Post

Categories: Allgemein

Patricia Briggs: Drachenzauber

» Posted on Feb 10 2010

Nach Rabenzauber ist Drachenzauber der zweite Fantasyroman von Patricia Briggs, den ich gelesen habe – auf Deutsch erschienen sind die beiden Bücher allerdings in umgekehrter Reihenfolge. Das ist in diesem Fall egal, denn inhaltlich haben sie nichts miteinander zu tun. Zudem – erfahrene Benutzer öffentlicher Bibliotheken werden das kennen – greift man zuweilen einfach zu, wenn die Bibliothek einem ein interessantes Buch in den Weg stellt, ohne Rücksicht auf die Chronologie ;-) .

Hurog bedeutet Drachen, und der Hurogmeten ist der Hüter der Drachen. Allerdings gibt es auf Burg Hurog schon lange keine Drachen mehr. Das Land, das zur Burg gehört, ist nicht sonderlich fruchtbar und daher nicht sonderlich reich. Regiert wird es von einem grausamem Tyrannen, dem Hurogmeten, der seinen ältesten Sohn halb tot prügelte, sodass er sich seither schützt, indem er vortäuscht, er sei geistig minderbemittelt, nachdem sein Vater ihn quasi zu fest auf den Hinterkopf geschlagen hat ;-) . Den jüngeren Sohn hat der Mann beinahe in den Selbstmord und die Ehefrau in den kontinuierlichen Drogenrausch getrieben … und auch die Stummheit seiner Tochter ist wohl ihm zu verdanken, denn eine körperliche Ursache gibt es nicht.

Als nun der alte Hurogmeten auf der Jagd tödlich verletzt wird und bald darauf stirbt, gehen die Herrschaft und der Titel des Hurogmeten auf den besagten, vorgeblich geistig minderbemittelten ältesten Sohn Ward über. Allerdings soll er diese Herrschaft erst mit einundzwanzig Jahren antreten, bis dahin soll sein Onkel Duraugh über Hurog herrschen. Von nun an besteht eine von Wards wichtigsten Aufgaben darin, die Menschen davon zu überzeugen, dass er keineswegs ein so tumber Tor ist, wie alle denken. Das ist sogar überlebenswichtig, denn dank Wards Fassade hat der König in Estian einen Vorwand, um Ward in sein Asyl zu stecken, wo er ihn nach Gutdünken für seine eigenen dunklen Zwecke missbrauchen kann.

Die Geschichte um Ward, den Hurogmeten, ist ein spannender, mitreißender, handwerklich gut gemachter Fantasyroman mit einem sehr sympathischen Helden. Ward wird seinem Namen und seinem Titel gerecht: Er ist ein wahrer Hüter, nicht nur der Drachen, von denen sich im Verlauf der Handlung erweist, dass es sie doch gibt, und auch nicht nur von Burg Hurog. Vielmehr wacht er schon sehr lange über die Sicherheit seiner Schwester, und seinen jüngeren Bruder hat er vor dem alten Hurogmeten längst in Sicherheit gebracht. Immer mehr Menschen kann dieser Ward für sich und die gute Sache gewinnen, und letztlich wird er zwar nicht Herrscher über die gesamten fünf Königreiche, aber ihm, dem Hüter, ist zu verdanken, dass es da am Ende überhaupt noch etwas zu beherrschen gibt. Und – dies sei noch rasch erwähnt – die Frau, die Ward sich erwählt, ist keine blond gelockte, zarte Prinzessin, sondern eine kriegerische, eigensinnige, nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprechende Person. Eine Ebenbürtige eben ;-) .

Fazit: sehr lesenswert!

Patricia Briggs: Drachenzauber (Heyne 2007). Übersetzt von Regina Winter.

Post to Twitter Tweet This Post

Categories: Fantasy

Vortrag von Terry Pratchett

» Posted on Feb 07 2010

Neulich stieß ich in der Feuilletonrundschau des Perlentaucher auf eine traurige Nachricht: Der Fantasy-Autor Terry Pratchett, der wohl uns allen unter anderem durch seine Scheibenwelt-Romane wie MacBest bekannt ist, leidet an einer Form der Alzheimer-Krankenheit.

Er geht mit dieser Diagnose offen und offensiv um. Anstatt seine Erkrankung zu verheimlichen, gab er sie bereits 2007 öffentlich bekannt. In diesem englischsprachigen Vortrag erklärt er, dass er den Zeitpunkt seines Todes selbst bestimmen will, und dass er sterben will, solange er noch bei klarem Verstand ist. Er spricht sich für die Sterbehilfe aus und hat zudem einen Vorschlag, wie man Missbrauch vorbeugen könnte.

Ich wünsche Terry Pratchett, dass trotz der Krankheit noch viele schöne Jahre vor ihm liegen mögen.

Post to Twitter Tweet This Post

Categories: Allgemein

Reif Larsen: Die Karte meiner Träume

» Posted on Jan 30 2010

Was für ein großartiges Buch, Leute! Ich habe ja so eine leichte Bestseller-Allergie, die mich häufig erst dann zu einem Buch greifen lässt, wenn alle anderen es schon fast wieder vergessen haben.

Aber ich bin wirklich froh, dass ich bei diesem hier nicht so lange gewartet habe, denn es verdient all die positiven Kritiken. Es ist zauberhaft, mitreißend, fantasievoll, abgedreht, anarchisch und durchdrungen von großer Liebe zu den Menschen und der Welt. Die Karte meiner Träume erzählt die Geschichte von Tecumseh Sparrow Spivet, einem zwölfjährigen Jungen, der in mancherlei Hinsicht ziemlich ungewöhnlich ist:

Er macht sich Gedanken über Dinge, die den meisten von uns wahrscheinlich noch nie aufgefallen sind. Zum Beispiel über die Frage, welche Muskeln im Gesicht bewegt werden müssen, um einen bestimmten Gesichtsausdruck zu erzeugen.

Nicht genug damit, er hält diese Fragen und die Antworten darauf in zahllosen akribischen Zeichnungen fest. Tatsächlich ist er ein Kartograph, jemand, der Karten und Diagramme zeichnet: über den „Unihemisphärischen Langwellenschlaf beim Großen Tümmler“ beispielsweise. Oder detaillierte Abbildungen von Oregon-Sandlaufkäfern. Eigentlich gibt es fast nichts, was T.S. nicht zeichnen würde.

Eins der wunderbaren Dinge an diesem Buch ist, dass ganz viele dieser Zeichnungen mitsamt der dazu passenden Erläuterungen von T.S. die Geschichte begleiten, und zwar als Subgeschichten auf den Seitenrändern. Ich ließ mich immer wieder begeistern und entzücken von diesen witzigen und subversiven Bemerkungen und Schnipseln, die oft eine wirkliche gedankliche Tiefe offenbarten.

T.S. – die Geschichte seiner Vornamen ist übrigens auch eine dieser Randgeschichten – jedenfalls gewinnt einen renommierten Preis des berühmten naturwissenschaftlichen Smithsonian Institute in Washington DC, weil sein Mentor Dr. Yorn ohne sein Wissen Karten und Zeichnungen von ihm dort eingereicht hat. Allerdings hat der dabei das Alter von T.S. nicht angegeben, was nun zu allerhand Komplikationen führt.

Zuhause fühlt sich T.S. seit dem lange rätselhaften bleibenden Unfalltod seines Bruders nicht mehr wohl, als gäbe es keinen Platz dort für ihn, auf der Ranch in Montana. Und so macht er sich schließlich auf die Reise nach Washington, auf der Spur seiner Vorfahren vom Westen zurück in den Osten. Eine Reise, die ihm viele neue Erkenntnisse beschert, nicht zuletzt darüber, dass Gefühle sich nicht kartografieren lassen.

Die Karte meiner Träume ist eines der sehr wenigen Bücher, die ich ganz bestimmt noch einmal lesen werde, weil ich sicher bin, auch beim zweiten, vielleicht sogar dritten Lesen noch Neues zu entdecken. Wer etwas übrig hat für magische Geschichten vom Kindsein und Erwachsenwerden, von Liebe und Einsamkeit – der muss dieses Buch einfach lesen. Ich war wirklich lange nicht mehr so hingerissen und uneingeschränkt begeistert. Lesebefehl!

Reif Larsen: Die Karte meiner Träume (S. Fischer 2009). Deutsch von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié.

Post to Twitter Tweet This Post

Categories: Querbeet

Brandon Sanderson: Elantris

» Posted on Jan 27 2010

Man sollte kein Portemonnaie mitnehmen, wenn man in eine Buchhandlung geht, jedenfalls wenn man eigentlich vorhat, nichts zu kaufen. Ich habe diesen Grundsatz – leider? zum Glück? – nicht beherzigt und bin über das Erstlingswerk von Brandon Sanderson gestolpert, dessen Roman Kinder des Nebels hier schon besprochen wurde.

Elantris war einst die schönste aller Städte, ihre Bewohner gottgleiche Wesen, die mittels einer Kunst namens AonDor das Dor, eine in Elantris allgegenwärtige Energie, beherrschten und damit heilen wie auch Schmutz in Nahrung verwandeln konnten. Doch vor zehn Jahren kam die Reod über Elantris, und sämtliche Elantrier wurden von der Shaod, der Verwandlung, befallen. Seither sind sie lebende Tote, ihr Herz schlägt nicht mehr, ihre Haut wird fleckig, sie haben rasenden Hunger, können aber nicht verhungern, und verletzen sie sich, so heilen ihre Verletzungen nicht. Gleichgültig, wie schwer sie verletzt werden, können sie doch nicht sterben, aber sie spüren die Schmerzen jeder Verletzung, bis diese Schmerzen sie überwältigen und in den Wahnsinn treiben.

Seit der Reod überkommt die Shaod immer wieder neue Menschen, meist Bewohner der an Elantris grenzenden Stadt Kae. Sie ist die Hauptstadt des Königreichs Arelon, das seit der Reod von dem einstigen Kaufmann Iadon regiert wird. Eines Morgens stellt auch Iadons Sohn Raoden fest, dass ihn über Nacht die Shaod ereilt hat, womit er zu einem Elantrier geworden ist, und man wirft ihn wie alle anderen in die verfallenden Ruinen der Stadt. Doch Prinz Raoden weigert sich, zu verzweifeln wie die übrigen Elantrier, sondern beginnt, seine beinahe zu Tieren degenerierten Leidensgefährten um sich zu versammeln. Er gibt ihnen Aufgaben, die sie von ihren Schmerzen und dem nagenden Hunger ablenken und versucht zum einen, so etwas wie eine funktionierende Gesellschaft in Elantris aufzubauen, und zum anderen das Geheimnis von AonDor und dessen Versagen zu ergründen.

Derweil ist Raodens Braut Sarene, die Tochter des Königs von Teod, in Arelon eingetroffen und erfährt, dass ihr Bräutigam verschieden sei. Der Ehevertrag sieht vor, dass die Ehe auch dann als geschlossen gilt, wenn einer der Partner vor der Hochzeit stirbt. Da damit ein Bündnis zwischen Arelon und Teod besiegelt werden sollte, um diese beiden letzten freien Reiche gegen die neue Großmacht Fjorden zu stärken, beschließt Sarene, in Arelon zu bleiben und ihre Aufgabe fortzuführen. Sarene ist selbstverständlich eine ungewöhnliche junge Frau. Mit fünfundzwanzig Jahren ist sie in ihrer Welt bereits eine alte Jungfer, was sie ihrem Verstand und ihrem Mundwerk, die beide gleichermaßen scharf sind, sowie ihrer Körpergröße von einem Meter achtzig zu verdanken hat. Zum Ausgleich dafür ist sie mit allen Wasser der Politik gewaschen, und es dauert nicht lange, bis sie König Iadon die Stirn bietet und zudem Aufnahme in eine Gruppe von Adeligen findet, die über eine Absetzung des geldgierigen, tyrannischen Königs nachdenken.

Als reichte es nicht, dass Sarene es neben dem König mit geldgierigen, korrupten Adeligen zu tun hat, ist da noch der Gyorn – Hohepriester – Hrathen, der im Auftrag seines Königs, des Wyrn, nach Arelon gereist ist, um das Land zu seiner Religion Shu-Dereth und der Anbetung des Gottes Jaddeth zu bekehren. Er hat dafür drei Monate Zeit. Erreicht er in dieser Zeit sein Ziel nicht, wird der Wyrn Arelon mit Waffengewalt unterwerfen. Und die Fjordeller verfügen über mächtige Waffen, wie Sarene erkennen muss.

Wenn man die Klappentexte liest, könnte man denken, Sanderson hätte mit diesem Roman das Rad im Genre Fantasy neu erfunden. So phänomenal ist das Buch nicht, finde ich. Dafür hat er auf zu viele, teils allzu gewohnte Zutaten der Fantasy zurückgegriffen, wie natürlich die geradezu teuflischen Eroberer, die es abzuwehren gilt. Und ich wusste eigentlich auch von Beginn an, dass Sarene und der vom Fluch befallene Raoden sich entgegen aller Logik am Ende bekommen würden – macht aber nichts, hat mich sehr gefreut für die beiden. Trotzdem ragt das Buch aus der Masse der Fantasyromane heraus – die Geschichte ist spannend und birgt einige überraschende Wendungen, und die Protagonisten sind überzeugend gezeichnet: Die energische, vorlaute Sarene und der idealistische Raoden sind die Sympathieträger; ihr Gegenspieler Hrathen erweist sich als vielschichtig und ist möglicherweise sogar die interessanteste Figur des Romans. Hinzu kommt die Idee der Stadt Elantris, die für mich das Hauptfaszinosum des Romans ausmacht – vermutlich weil ich als ehemalige Michael-Moorcock-Leserin zunächst an Tanelorn denken musste.

Alles in allem: durchaus zu empfehlen.

Brandon Sanderson: Elantris (Heyne 2007). Aus dem amerikanischen Englisch von Ute Brammertz.

Post to Twitter Tweet This Post

Saskia Noort: Das dunkle Haus

» Posted on Jan 16 2010

Maria lebt mit ihren beiden Kindern in Amsterdam, nennt ein Häuschen ihr Eigen und verdient mit verschiedenen kleineren Aufträgen als Sängerin gerade genügend Geld, um so eben über die Runden zu kommen. Das nimmt sie in Kauf, weil sie nicht auf „diesen kleinen Kick, ein paar Stunden die Sängerin zu spielen“ verzichten möchte, auch wenn ihr längst schwant, dass es zur großen Karriere nicht reicht.

Nicht mehr in Kauf nehmen allerdings mag sie den labilen und depressiven Geert, Musikerkollege und Vater ihres fünfjährigen Sohnes Wolff. Als sie erneut schwanger wird, lässt sie dieses Kind abtreiben uns trennt sich von Geert.

Da beginnen immer drastischer werdenden Drohungen sie heimzusuchen, die Maria zunächst fanatischen Abtreibungsgegnern, dann ihrem Ex Geert und Ex-Ex Steve (Vater der neunjährigen Merel) zuschreibt, bis sie schließlich glaubt, niemandem mehr vertrauen zu können. Außer vielleicht noch ihrer älteren Schwester Ans, die inzwischen in dem großen Haus am Meer lebt, in dem sie beide aufgewachsen sind.

Auch wenn das Verhältnis der beiden Schwestern seit ihrer traumatischen Kindheit nicht das Beste ist, sucht Maria mit ihren Kindern dort Zuflucht. Doch statt hier zur Ruhe zu kommen, beginnt der Horror erst richtig…

Mit diesem Psychothriller hat die Niederländerin Saskia Noort sicherlich nicht das Rad neu erfunden, denn Protagonisten, denen so lange suggeriert wird, ihre Wahrnehmung sei gestört, bis sie selbst daran glauben, gibt es ja nicht erst seit gestern.

Aber wer einen solide gemachten Krimi mit interessanten Figuren sucht, die nicht 08-15-mäßig amerikanisch daherkommen, dem/der sei die Geschichte der ziemlich chaotischen Maria ans Herz gelegt, die zwar eine liebende Mutter, aber alles andere als ein perfektes Muttertier mit hausfraulichen Qualitäten ist.

Dass krimierprobten Lesern bereits nach etwa der Hälfte schwant, wer das perfide Spiel treibt, tut der Spannung übrigens keinen Abbruch. Und die düster-bedrohliche Stimmung des winterlichen Küstenörtchens Bergen, das deutlich bekannter für seine sommerlichen Badefreuden ist, passt natürlich ausgezeichnet ins Bild.

Post to Twitter Tweet This Post

Arto Paasilinna: Der Sohn des Donnergottes

» Posted on Jan 09 2010

Ein unerwartetes Weihnachtsgeschenk von einer lieben Freundin. Klingt schräg. Also los.

Vollversammlung im finnischen Götterhimmel. Ukko Obergott beruft sämtliche Götter, Gnome, Elfen und Wichtelmännchen in den großen Himmelssaal unter dem Polarstern. Denn die Lage ist ernst. Die uralte finnische Religion ist in Gefahr, da sich seit Aufkommen des Christentums immer mehr Menschen von ihr abgewandt haben, sodass nunmehr noch etwa fünfhundert Finnen an sie glauben. So beraten die Götter nun darüber, wie man Abhilfe schaffen kann. Die Idee eines Glaubenskrieges wird kurzerhand wieder verworfen, denn unter den finnischen Göttern befindet sich nicht einmal ein spezieller Kriegergott. Stattdessen will man sich an der christlichen Religion orientieren, deren oberster Gott vor rund zweitausend Jahren seinen eigenen Sohn zur Erde sandte. Gut, der wurde dann von den Menschen ans Kreuz genagelt, aber die Kampagne war überaus erfolgreich, und angeblich herrscht der Sohn nun im Himmel über die Lebenden und die Toten. Die Versammlung beschließt, Rutja, den Sohn von Ukko Obergott – dem Donnergott -, zur Erde zu senden, um die Finnen wieder zum wahren Glauben zurückzuholen. Als Belohnung winkt ihm die Hand des betörenden weiblichen Schutzgeistes Ajattara.

Da Rutja allerdings wie ein rechter finnischer Gott aussieht – übermenschengroß, übermäßig behaart, überhaupt von wildem Äußerem und mit einem Bärenfell bekleidet -, soll er einen geeigneten Menschen aussuchen und mit ihm die Gestalt tauschen, damit der göttliche Missionar die künftigen Schäfchen nicht gleich beim ersten Anblick vergrault.

Die Wahl fällt ausgerechnet auf Sampsa Ronkainen. Sampsa ist Antiquitätenhändler und Landwirt und steht gleich bei drei Frauen unter dem Pantoffel: bei seiner Schwester Anelma, deren Freundin Sirkka und Frau Moisander, Sampsas Angestellter im Antiquitätengeschäft, die seine Buchhaltung derart verhunzt hat, dass sie ihn nun mit der Androhung einer Anzeige bei der Steuer erpressen kann. Zudem wird Sampsa von dem benachbarten Landwirt Nyberg, dem er Land verpachtet hat, schamlos ausgenutzt und kann sich auch sonst niemals durchsetzen. Aber: Sampsa glaubt an die alten finnischen Götter.

Und so fährt Rutja auf einem Blitz zur Erde, tauscht mit Sampsa Ronkainen die Gestalt und macht sich an die Arbeit, versehen mit zwei Hauptwaffen: seinem furchterregendem Blick und der Fähigkeit, bei Bedarf Blitze zum Einsatz zu bringen.

Ich gestehe, ich habe mehr als ein Mal gedacht: Die spinnen, die Finnen. Aber ich habe mich köstlich amüsiert bei der Lektüre dieses schmalen Romans. Wer nun wissen will, ob Rutja Erfolg hat, ob Gnome und Wichtelmänner gewerkschaftlich organisiert sind, was Kugelblitze bei Hysterikern und anderen psychisch Kranken ausrichten und wie die sechs Gebote der finnischen Götter lauten, der sollte selbst lesen. Eins kann ich schon verraten: Am Ende sind die Finnen das einzige Volk auf Erden, in dem es keinen einzigen Verrückten mehr gibt.

Der 1942 geborene Arto Paasilinna ist einer der populärsten finnischen Schriftsteller, sagt Wikipedia, und kann bereits auf ein umfangreiches Werk zurückblicken. Eine ganze Reihe seiner Romane sind ins Deutsche übersetzt worden und unter so schönen Titeln wie Adams Pech, die Welt zu retten, Im Wald der gehängten Füchse oder Der wunderbare Massenselbstmord lieferbar. Ich werde sicher noch mehr von ihm lesen.

Arto Paasilinna: Der Sohn des Donnergottes (im Original 1984, deutsche Erstausgabe 1999; zurzeit lieferbar als Taschenbuch bei Bastei Lübbe). Aus dem Finnischen von Stefan Moster.

Post to Twitter Tweet This Post

William Butler Yeats und Sigmund Freud sind jetzt gemeinfrei

» Posted on Jan 07 2010

Dass ich das noch erleben darf ;-) :

Die beiden Herren – und mit ihnen 561 weitere Autorinnen und Autoren – sind seit 70 Jahren tot. Damit werden die Rechte an ihrem Werk “gemeinfrei“. Laut Wikipedia bedeutet das Folgendes:

Die Gemeinfreiheit bezeichnet alle Werke, die keinem Urheberrecht mehr unterliegen oder ihm nie unterlegen haben. Das im angloamerikanischen Raum anzutreffende Public Domain ist ähnlich, aber nicht identisch mit der europäischen Gemeinfreiheit.

In der langen Liste von Persons Whose Work Enter the Public Domain in 2010 habe ich beim ersten Überfliegen sonst keine bekannten Namen gefunden, aber vielleicht gibt es ja gebildetere Menschen hier?

via blogpiloten.

Post to Twitter Tweet This Post